Das Auto ist vollgestopft mit Geschenken, der Verkehr läuft nur zäh auf der A9. „Wann sind wir da?“, tönt es von hinten. Anna lächelt. Nicht nur ihre beiden Kinder freuen sich auf Oma und Opa, auch sie kann es kaum erwarten. Es war Sommer, als sie das letzte Mal ihre Eltern und Geschwister sah. Jetzt an Weihnachten kommen sie endlich wieder zusammen.
Doch kurz nach ihrer Ankunft merkt Anna, dass sich ihre Eltern in den letzten Monaten verändert haben. Das Haus ist nicht so aufgeräumt wie sonst, ihr 82-jähriger Vater ist wackelig auf den Beinen. Zitternd hält er die Kaffeetasse in der Hand. Ihre 81-jährige Mutter wirkt etwas unbeholfen in der Küche und stellt an diesem Tag mehrmals die gleichen Fragen. „Oma, das habe ich dir doch gerade erst erzählt“, ruft ihr Sohn und lacht. Anna hingegen macht sich Sorgen. Sie fragt sich, ob ihren Geschwistern auch etwas aufgefallen ist, schließlich sehen sie die Eltern häufiger. Doch weder ihr Bruder noch ihre Schwester lässt sich etwas anmerken.
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Ansprechen oder Familienfrieden bewahren?
Sollte sie ihre Familie auf die Veränderungen ansprechen? Anna zögert. Schließlich möchte sie an Heiligabend nicht den Familienfrieden zerstören. Doch mit einem guten Gewissen kann sie auch nicht wieder zurück in ihr 500 Kilometer entferntes Zuhause fahren. Sie wird das Gefühl nicht los, dass ihre Eltern mehr Unterstützung brauchen. Was, wenn der Vater plötzlich stürzt? Oder die Vergesslichkeit der Mutter eine beginnende Demenz ist?
Annas Geschichte ist zwar frei erfunden, aber Ähnliches wird sich während der Weihnachtstage in manchen Familien abspielen. Wenn man sich eine Weile nicht mehr gesehen hat, fallen altersbedingte oder gesundheitliche Veränderungen eher auf – insbesondere, wenn sie nicht plötzlich, sondern schleichend auftreten. „Das kann Unsicherheit, Hilflosigkeit oder Aktionismus bei den Angehörigen auslösen“, sagt Pflegeberater André Scholz aus Berlin. Trotzdem rät er davon ab, sofort und ungefragt zu handeln: „Es kommt selten gut an, wenn man mit der Tür ins Haus fällt.“
Die Autonomie der Eltern gilt es zu wahren
Besser sei es, zuerst in sich hineinzuhören und sich zu überlegen, wie man mit den Veränderungen umgehen will und kann – etwa, ob und in welchem Umfang man in der Lage ist, Sorgearbeit zu leisten. „Ich würde auch im Vorfeld mit den Geschwistern oder anderen Angehörigen sprechen, wie sie die Situation beurteilen und was jeder tun kann“, so Scholz.
Denn nicht immer sei sofortiges Handeln angezeigt: „Vielleicht haben ja nur die Angehörigen ein Problem damit, dass die Wohnung der Eltern unordentlich ist. Die Eltern selbst kommen aber gut damit klar.“ Es komme immer wieder vor, dass sich ältere Menschen fit fühlen, während dies ihr Umfeld anders sehe: „Die Autonomie der Eltern gilt es, in vielen Fällen zu respektieren.“ Ausnahmen seien etwa eine fortgeschrittene Demenz oder psychische Erkrankungen.
Anweisungen gilt es zu vermeiden
Also sollte Anna gar nicht aktiv werden und während des Besuchs bei ihren Eltern so tun, als wäre alles okay? Auch davon rät Pflegeberater Scholz ab. „Sie kann ihnen ruhig sagen, dass ihr das Gangbild des Vaters und die Vergesslichkeit der Mutter Sorgen bereitet.“ Allerdings nicht unbedingt während der Bescherung, sondern in einer ruhigen Minute.
Anweisungen, was die Eltern nun zu tun haben, gilt es aber zu vermeiden: „Das löst bei vielen Menschen Widerstand aus“, so Scholz. „Besser man bietet ihnen konkrete Unterstützung an – etwa, indem man die Eltern zu Arztterminen begleitet.“ Auf keinen Fall sollten sich Angehörige nur auf die Defizite und Probleme fokussieren, findet der Pflegeberater und Gründer des Beratungsangebotes Reisemaulwurf. „Wichtig ist es auch, über die gemeinsamen Ziele zu sprechen. Etwa so lange wie es geht, zu Hause zu bleiben.“
Pflege und Betreuung sollten zukunftsgerichtet sein. So können Angehörige ihren Liebsten aufzeigen, welche Vorteile eine Haushaltshilfe oder Hilfsmittel haben – beispielsweise, dass viele Menschen dank einem Hausnotruf oder einer Notrufuhr länger zu Hause leben oder dank eines Rollators weniger stürzen.
Zeit, Fingerspitzengefühl und Beratung
Und manchmal braucht es etwas Zeit, bis Menschen Hilfe annehmen. Scholz rät, dranzubleiben und mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl Unterstützung anzubieten. „Vielleicht stellt man nach Absprache den Rollator einfach mal in den Keller und schlägt dem Angehörigen vor, ihn an schlechten Tagen auszuprobieren.“ Oder man gibt ihm Adressen von Pflegediensten oder Haushaltshilfen, die bei Bedarf genutzt werden können.
Es ist zu überlegen, ob Ratschläge von Dritten besser akzeptiert werden. Etwa von der Bekannten aus dem Seniorentreff, die von ihrem Notrufknopf schwärmt oder dank des Rollators viel mobiler ist. Scholz erinnert sich an eine Oma, die kaum noch gehen konnte, aber den Rollstuhl komplett verweigerte. Bis ihre Enkeltochter sagte: „Oma, ich möchte mit dir ein Eis essen, aber nur, wenn du den Rollstuhl benutzt. Ich habe Angst, dass du sonst stürzt.“ Von da an war die Großmutter bereit, das Hilfsmittel anzunehmen – weil sie sah, dass sie dadurch wieder am sozialen Leben teilnehmen konnte.
Manchmal können auch Fachleute besser vermitteln. André Scholz empfiehlt, Pflegeberatungen in Anspruch zu nehmen. „Dort erfährt man, welche Optionen man hat und welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt.“ Denn vieles könne man als Laie gar nicht wissen.
Angehörige müssen nicht alles leisten
Und: Angehörige müssen nicht alles leisten. „Es kommt immer auf die persönlichen Lebensumstände und auf das Verhältnis zu den Eltern an, wie viel man helfen kann und will.“ Wichtig sei auch, die persönlichen Grenzen zu kennen und die nötige Unterstützung zu holen: „Es ist niemandem geholfen, wenn einen die Pflege völlig überfordert und selber krank macht.“
Und diese könne auch aus der Ferne geleistet werden. Dafür muss man nicht ständig vor Ort sein. So wie Anna aus unserem Fallbeispiel, die weit weg von ihren Eltern lebt und mit ihrem Job und ihrer Familie ausgelastet ist. Trotzdem einigt sie sich mit ihren Geschwistern darauf, Bankgeschäfte für ihre Eltern zu erledigen und bei administrativen Dingen zu helfen.
Alle zwei Monate fährt sie in ihre Heimatstadt. In der ersten Zeit half sie ihren Eltern beim Putzen. Doch das übernimmt mittlerweile eine Alltagsassistentin. Nun hat Anna Zeit, mit ihrem Vater und ihrer Mutter etwas Schönes zu unternehmen. Das macht auch ihren Vater glücklich. Dabei wollte er am Anfang auf keinen Fall jemanden Fremdes im Haus haben.
Über André Scholz

Der dipl. Pflegewirt (FH) André Scholz ist Pflegeberater und Case Manager. Bei dieser Tätigkeit stellte er fest, dass es kaum Angebote und Beratung zum Thema Auszeit, Erholung und Urlaub für pflegebedürftige Menschen und deren pflegende Angehörige gibt. Um das zu ändern, hat er den Reisemaulwurf e.V. gegründet.
Scholz ist gelernter Altenpfleger und war im stationären und ambulanten Bereich tätig. Aus einer großen Familie kommend, hat er als sorgender und pflegender Angehöriger viele Pflegesituationen erlebt und begleitet.